KLIMA ARENA:
Uns hat bei der Entwicklung des Regional Mobility Lab von Anfang an beschäftigt, warum die Mobilitätswende im ländlichen Raum so selten konkret erzählt wird. Über Städte gibt es viele Bilder und Leitideen – autofreie Quartiere, Fahrradachsen oder die 15-Minuten-Stadt. Aber wie sieht eigentlich ein positives Zukunftsbild für ländliche Mobilität aus?
Studio KLV:
Genau das war auch für uns ein zentraler Ausgangspunkt. Der ländliche Raum taucht in vielen Mobilitätsdebatten eher als Problemfall auf. Gleichzeitig ist er unglaublich vielfältig. Es gibt Pendlerbewegungen, fehlende Infrastruktur, aber auch starke soziale Netzwerke und andere Formen von Alltag. Uns interessierte deshalb weniger die Frage, wie man urbane Konzepte übertragen kann, sondern wie eigenständige Perspektiven für ländliche Mobilität aussehen könnten.
KLIMA ARENA:
Dabei ging es relativ früh nicht mehr nur um Verkehr, sondern um gesellschaftliche Teilhabe.
Studio KLV:
Ja, weil Mobilität immer soziale Auswirkungen hat. Wer nicht mobil ist, kann an vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nur eingeschränkt teilnehmen. Das betrifft besonders Kinder, ältere Menschen oder Personen ohne eigenes Auto. Im Projekt wollten wir deshalb sichtbar machen, dass Mobilität weit mehr ist als Infrastrukturplanung.
KLIMA ARENA:
Gleichzeitig wollten wir kein klassisches Informationsformat entwickeln. Die Herausforderung war eher: Wie kann man komplexe Zusammenhänge erfahrbar machen?
Studio KLV:
Und zwar ohne sie zu vereinfachen. Das war wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen im gesamten Prozess. Mobilitätsplanung ist hochkomplex. Raumstruktur, Erreichbarkeit, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz oder wirtschaftliche Interessen greifen ständig ineinander. Trotzdem wollten wir Formate schaffen, die intuitiv funktionieren und Menschen nicht mit Fachlogiken überfordern.
KLIMA ARENA:
Deshalb spielt Interaktion eine so große Rolle?
Studio KLV:
Absolut. Menschen verstehen räumliche Zusammenhänge oft besser, wenn sie selbst gestalten oder Entscheidungen treffen können. Beim Exponat „Gestalte Deine Region“ entwickeln Besucher*innen beispielsweise eigene Mobilitätsräume. Sie merken sehr schnell, dass jede Entscheidung Auswirkungen auf andere Gruppen hat. Eine neue Straße löst vielleicht ein Problem, schafft aber an anderer Stelle neue Abhängigkeiten oder Barrieren.
KLIMA ARENA:
Uns war dabei wichtig, dass unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden. Deshalb arbeiten die Exponate mit Personas – also etwa mit der Perspektive eines Kindes, einer Seniorin oder einer Person ohne Auto.
Studio KLV:
Das verändert den Blick enorm. Viele Menschen planen zunächst aus ihrer eigenen Mobilitätsrealität heraus. Durch die Perspektivwechsel wird deutlich, dass Mobilität sehr unterschiedlich erlebt wird. Genau darin steckt für uns ein wichtiger Teil der gesellschaftlichen Debatte.
KLIMA ARENA:
Interessant war auch die Frage, wie offen Beteiligung eigentlich sein kann. Denn natürlich gibt es planerische Grenzen, technische Voraussetzungen oder politische Zielkonflikte.
Studio KLV:
Ja, und genau deshalb sprechen wir lieber von einem Werkstattcharakter als von einer fertigen Lösung. Das Regional Mobility Lab soll keine ideale Mobilitätswelt präsentieren. Es geht eher darum, Aushandlungsprozesse sichtbar zu machen. Nachhaltige Mobilität entsteht nicht durch eine einzige richtige Antwort, sondern durch das Zusammenspiel vieler Interessen und Bedürfnisse.
KLIMA ARENA:
Deshalb spielt auch die zweite Installation – der „Alltags-Atlas“ – eine wichtige Rolle. Dort geht es viel stärker um reale Wege und konkrete Erfahrungen.
Studio KLV:
Genau. Menschen markieren ihre täglichen Wege, beschreiben Probleme oder benennen funktionierende Lösungen. Dadurch entsteht eine kollektive Karte regionaler Mobilität. Besonders spannend fanden wir dabei, dass nicht nur Defizite sichtbar werden, sondern auch positive Erfahrungen.
KLIMA ARENA:
Das verändert auch die Diskussion über Mobilitätswende. Häufig geht es in öffentlichen Debatten vor allem um Einschränkungen oder Verzicht.
Studio KLV:
Dabei fehlt oft die Frage, wie ein guter Alltag eigentlich aussehen könnte. Uns interessierte deshalb stärker die Vorstellung von erreichbarer Teilhabe: Wie können Menschen ihre wichtigsten Ziele erreichen, ohne vollständig vom Auto abhängig zu sein?
KLIMA ARENA:
Im Projekt taucht deshalb auch das Konzept des „30-Minuten-Lands“ auf.
Studio KLV:
Ja, weil es den Fokus verschiebt. Nicht die reine Geschwindigkeit steht im Mittelpunkt, sondern die Frage nach guter Erreichbarkeit. Das passt sehr gut zu ländlichen Räumen, in denen andere Voraussetzungen gelten als in Großstädten.
KLIMA ARENA:
Spannend war für uns außerdem die Schnittstelle zwischen Bildung, Beteiligung und regionaler Planung. Das Projekt bewegt sich bewusst zwischen diesen Bereichen.
Studio KLV:
Und genau das macht es interessant. Die gesammelten Perspektiven sollen nicht isoliert im Ausstellungsraum bleiben, sondern in regionale Diskussionen eingebunden werden. Deshalb war die Zusammenarbeit mit kommunalen Partnern und der Metropolregion Rhein-Neckar früh Teil der Überlegungen.
KLIMA ARENA:
Gleichzeitig haben wir immer wieder gemerkt, wie emotional Mobilität eigentlich ist. Menschen sprechen über Freiheit, Selbstständigkeit oder Sicherheit – nicht nur über Verkehrsmittel.
Studio KLV:
Das war tatsächlich ein wichtiger Lernprozess. Mobilität ist eng mit Identität und Alltag verbunden. Deshalb funktionieren rein technische Debatten oft nur begrenzt. Viele Konflikte entstehen nicht wegen einzelner Maßnahmen, sondern weil Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie sie künftig leben möchten.
KLIMA ARENA:
Vielleicht beschreibt das auch ganz gut die Grundidee des Projekts: Mobilität nicht nur als Verkehrsfrage zu behandeln, sondern als gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe.
Studio KLV:
Ja. Und gleichzeitig Räume zu schaffen, in denen diese Zukunft gemeinsam verhandelbar wird.